Jahresrückblick: Digitalisierung nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance begreifen

Rückblickend lassen sich die Entwicklungen der Digitalisierung im Jahr 2017 in Deutschland zusammenfassen und mitunter daraus Prognosen für die kommenden Jahre geben.

Auch 2017 hat die Digitalisierung in Deutschland zugenommen. Dennoch ist sie im Vergleich zu China oder den USA nicht stark ausgeprägt. Eine wichtige Frage ist heute und in den kommenden Jahren: Wie nehmen wir alle Menschen mit auf die große Reise?

Selbstfahrende Autos, lernende Maschinen oder künstliche Intelligenz, KryptowährungenPlattformökonomie und Digitalminister – wenn es um Digitalisierung geht, wurden die Diskussionen im Jahr 2017 facettenreicher. In den Jahren zuvor hatte man häufig noch das Gefühl, während allen durchaus klar war, wir müssen digitalisieren, blieb die Frage: Aber was eigentlich? Die Wertschöpfungskette! Ok! Nutzerzentriert? Wie jetzt …? Diese Fragen gibt es heute noch immer, aber sie sind seltener geworden. Die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle auf der anderen Seite, auch in Traditionsbranchen, hat zugenommen. Mit dem anstehenden Jahreswechsel ziehe ich nun wieder eine Bilanz zur Digitalisierung.

2017 war Wahlkampfjahr. Das Thema Digitalisierung blieb im Wahlkampf allerdings erschreckend schwach. Natürlich tauchte das Thema an vielen Stellen der Wahlprogramme auf – allen voran bei der FDP. Aber die Politik, so scheint es, vollzieht erst jetzt die Entwicklung, die die Wirtschaft schon die vergangenen Jahre durchgemacht hat.

Eine echte Debatte entstand im Prinzip vor allem bei der Frage: Braucht es ein Digitalministerium – ja oder nein? Die Idee als solche klingt erst mal vernünftig. Eine eigenständige Institution auf höchster Regierungsebene, die sämtliche Themen rund um die digitale Transformation bündelt und vorantreibt. Es macht jedoch keinen Sinn, die Position nur um ihrer selbst willen zu schaffen. Dies wäre Symbolpolitik. Digitalisierung ist ein Querschnittsthema und betrifft sämtliche Ressorts, von Wirtschaft über Bildung bis Verkehr. Die Folge: Kompetenzgerangel und langwierige Diskussionen und Abstimmungen.

Für eine erfolgreiche Digitalisierung braucht es Schnelligkeit, Umsetzungsstärke und echtes Digital-Know-how – ein Vorgehen, was dem politischen Betrieb fernliegt. Daher ist meine Empfehlung, wie an die Wirtschaft auch, die Digitalisierung im geschützten Raum zu starten. Im Sinne einer Digitaleinheit wäre Deutschland mit einer unabhängigen Digitalisierungsagentur weit besser bedient. Ein Digitalminister als Schnittstelle ins Kanzleramt, um die Rückendeckung der Kanzlerin oder des Kanzlers sicherzustellen, könnte eine sinnvolle Aufteilung sein. 2018 wird sich zeigen, wie ernst eine neue Regierung das Zukunftsthema Nummer eins dann gemeint hat. Symbolisch oder umsetzungsorientiert.

Die deutsche Wirtschaft: Das Rennen um die Digitalisierung ist noch nicht verloren

Im Vergleich zur Politik ist die deutsche Wirtschaft zumindest schon einen Schritt weiter. Doch auch hier herrscht Nachholbedarf – gerade wenn man den Vergleich mit den USA sucht. Die deutschen Unternehmen sind noch immer zu langsam und zu unflexibel bei der Digitalisierung. Zu diesem Ergebnis kam die Studie von etventure in Zusammenarbeit mit der GfK Nürnberg und YouGov USA. Die Bestandsaufnahme zur digitalen Transformation in deutschen und US-amerikanischen Großunternehmen zeigt: Die Mehrheit der deutschen Konzerne sieht sich im Vergleich zu den USA nicht gut vorbereitet für die digitale Transformation und hält die eigenen Mitarbeiter für nicht ausreichend qualifiziert. Interne Hemmnisse, Ängste der Belegschaft und der fehlende Blick auf den Kunden verhindern einen schnellen Fortschritt.

Digitalisierung

Überprüfung mit Smartphone bei der Robert Bosch GmbH. In fast allen Berufen machen sich die Veränderungen durch die Digitaliesrung bemerkbar.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Deutschland mag nicht die Nummer eins sein, wenn es darum geht, intuitive digitale Services zu entwickeln und nutzerfreundliche Plattformen zu bauen – immer auf der Suche nach dem ultimativen Kundenerlebnis. Hier haben die Silicon-Valley-Giganten klar die Nase vorn. Das Rennen um die digitale Hoheit im B2C-Bereich und hier insbesondere im E-Commerce, mag verloren sein. Die starken Positionen, wie sie etwa Amazon oder Alibaba im Handel erreicht haben, besitzen Plattformen in der B2B-Welt bisher allerdings nicht, auch wenn etwa Amazon mit Amazon Business erste Schritte in diesem Bereich unternommen hat. Dennoch, im B2B-Sektor, in den deutschen Schlüssel- und Traditionsindustrien wie dem Maschinenbau, kann Deutschland noch aufholen. So stellt auch eine aktuelle Studie der Bitkom der deutschen Industrie insgesamt ein gutes Zeugnis aus: Die deutsche Industrie, so das Fazit der Studienautoren, „setze voll auf digitale Technologien“.

Smarte Steuerung per App: E.ON und Viessmann treiben die Digitalisierung des deutschen Heizungsmarkts voran.

Zahlreiche Beispiele aus der Konzernwelt wie auch aus dem Mittelstand unterstreichen diesen Befund und zeigen, was alles machbar ist, wenn man die Digitalisierung wirklich anpackt. Sei es der Heizungsbauer Viessmann, der auf die Konkurrenz durch Start-ups wie Thermondo reagiert hat und nun die digitale Transformation des gesamten Unternehmens vorantreibt, mit neuen Services und Geschäftsmodellen, durch Weiterbildung der Mitarbeiter und einen starken Schulterschluss mit innovativen Start-ups. Oder der Stahlhändler Klöckner, der 2017 rund eine Milliarde Umsatz über digitale Kanäle erwirtschaftet hat und mittlerweile als Paradebeispiel der Digitalisierung im B2B-Bereich gilt.

Neue Wege im digitalen Zeitalter

Das Beispiel des Maschinenbauers SMS group, der 2017 seine erste Industry Data Challenge durchgeführt hat, zeigt sinnbildlich, dass wir im digitalen Zeitalter ganz neue Wege gehen müssen. Data Scientists aus aller Welt hatten sich mit dem Ziel beteiligt, die Qualität der bestehenden Verfahren beim klassischen Stahlgießen durch „Machine Learning“ zu verbessern. Im Test konnten dann mit einem neu entwickelten Verfahren, das den SMS-Ingenieuren bis dahin völlig unbekannt war, Oberflächenrisse deutlich genauer vorhergesagt werden.

Wenn wir es schaffen, neue Denkweisen und Logiken der Digitalisierung mit dem deutschen Perfektionismus und der Liebe zum Produkt zu kombinieren, können wir auch im digitalen Zeitalter zu den Vorreitern gehören. Doch gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Konsumentenwelt, die heute in der Hand der Amerikaner und Chinesen ist, muss noch deutlich mehr investiert werden.

Apropos Amazon: Daten der Europäischen Union zeigen, 74 Prozent der Deutschen kauften im vergangenen Jahr online ein. Potenzial nach oben ist genügend da, in Großbritannien liegt die Quote bei 84 Prozent. Der größte Anteil dürfte auf Amazon entfallen, das weiterhin die Maßstäbe im Onlinehandel hierzulande setzt, seien es Same-Day-Lieferung oder auch der 2017 gestartete Lebensmittelhandel Amazon Fresh. Am Cyber Monday 2017 hat Amazon nach eigenen Angaben so viel Umsatz gemacht wie nie zuvor an einem einzelnen Tag. Den erfolgreichsten Verkaufstag weltweit feierte übrigens Alibaba am 11. November: Innerhalb von nur 24 Stunden setzte der Handels-Gigant aus China 25,3 Milliarden Dollar um.

Privat sind wir längst digital

Und während wir uns auf der einen Seite noch Sorgen über Datenschutz, Arbeitsplätze, Robotersteuer und die Existenzberechtigung von Kryptowährungen machen, zieht die Digitalisierung fast unbemerkt zu Hause ein. Amazons Echo hat aktuell nahezu im Alleingang den Markt für die intelligenten Lautsprecher per Sprachsteuerung geöffnet. Google ist gefolgt, Apple startet auch … demnächst. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland mehr als eine halbe Million Echo-Geräte, offizielle Zahlen veröffentlicht Amazon nicht. Es sind zu Weihnachten allerdings sicherlich noch einmal einige mehr geworden. Sprachsteuerung wird eines der treibenden Themen 2018 werden.

Aus meiner Sicht zu Recht, denn es eröffnet auch Menschen die Möglichkeiten der digitalen Welt, die, aus welchen Gründen auch immer, mit der Nutzung von Endgeräten bislang Schwierigkeiten haben. Was den Menschen in ihren Unternehmen noch teilweise große Kopfschmerzen bereitet, ist im Privaten – wenn der Mehrwert für den Einzelnen hoch genug ist – kein Problem mehr: ein digitaler Kanal vom Unternehmen direkt ins eigene Heim. Das gilt bereits, seit wir unsere Smartphones zum ständigen Begleiter gemacht haben.

Der Mensch ist die treibende Kraft

Bei all der Diskussion über digitale Geschäftsmodelle und Technologien sollte aber eines nicht vergessen werden: Im Zentrum dieser Entwicklung steht der Mensch. Er ist die treibende Kraft der Digitalisierung und kann zugleich der hemmende Faktor sein. Die entscheidende Frage heute und in den kommenden Jahren ist deshalb: Wie nehmen wir die Menschen mit, die heute Taxi- oder Busfahrer sind, diejenigen, die Maschinen bedienen, die dann längst automatisiert sind, Versicherungsverkäufer, deren Produkte nur noch über digitale Vermittler vertrieben werden, aber auch Steuerberater oder Rechtsanwälte, wenn Algorithmen berechnen, wie hoch die Erfolgsaussicht vor Gericht ist.

In einer US-Studie diagnostizierten KI-Algorithmen Tuberkulose auf 150 Röntgenbildern zu 96 Prozent korrekt – besser als Ärzte. Es wird keine Berufsgruppe geben, die es sich leisten kann, sich zurückzulehnen. Umso wichtiger ist, dass wir die Augen vor dem Wandel von Arbeit und Gesellschaft nicht verschließen. Wir müssen darüber diskutieren, wie wir in einer digitalen Welt arbeiten und zusammenleben wollen. Debatten wie die über das bedingungslose Grundeinkommen zeigen, dass es hierfür keine einfachen Lösungen gibt.

Wichtig ist aber, dass wir die Digitalisierung nicht als Bedrohung begreifen, sondern als Chance. Wie können wir digitale Technologien nutzen, um unsere Städte grüner und lebenswerter zu machen – Stichwort Smart City? Wie kann die Digitalisierung zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe und Demokratie beitragen? Wie können wir mit digitalen Tools enger und integrierter zusammenarbeiten? Diese Fragen können nur gemeinsam in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beantwortet werden. Für 2018 und darüber hinaus bleibt genug zu tun.

Der Autor Philipp Depiereux ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung etventure und BILANZ-Kolumnist.

Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/bilanz/article171934308/Jahresrueckblick-Digitalisierung-nicht-als-Bedrohung-sondern-als-Chance-begreifen.html