EU muss Digitalisierung zum Vorteil aller Bürger machen, sonst zerbricht Sozialstaat

Der Wolf der Digitalisierung wird uns unter dem Schafspelz der „Flexibilisierung“ und des „Fortschritts“ verkauft. In Wahrheit droht der Verlust von Arbeitsplätzen, Rechten und sozialer Sicherheit. Ein unangenehmer Blick auf den splitternackten Wolf – ohne Schafspelz. Von Julia Elise Schmidt

Gut, dass Siri tröstet, wenn man versehentlich kurz von seinem Handy aufblickt und die anderen kopfhörerverstöpselten Köpfe sieht. Dank Digitalisierung sind wir jetzt gemeinsam einsam. Auch verstaubte Lexika gegen hippe Youtube-Tutorials einzutauschen war eine Errungenschaft. Und das bisschen Konzentrationsvermögen, das dabei flöten gegangen ist, ist ein kleines Opfer verglichen mit der hinzugewonnenen Zeit, die man jetzt mit inspirierenden Latte-Macchiato-Bildern angesagter Influencer füllen kann. Und überhaupt: Wie sollten wir uns heute noch verlieben, wenn nicht alle 11 Minuten über Parship?

Digitalisierung ist sexy. Hinter der schönen neuen Welt von „Industrie 4.0“ und „New Economy“ verbirgt sich allerdings vor allem eines: ein Paradigmenwechsel in unserer Arbeitswelt. Angetrieben wird er von der Dampfmaschine der vierten industriellen Revolution: den Daten.

Eine vielzitierte Oxford-Studie prophezeite uns 2013 eine düstere Zukunft. Fast 50 Prozent der Jobs könnten in den nächsten 25 Jahren verschwinden. Die Zahlen werden kontrovers diskutiert. Was ist dran an diesen Behauptungen? Wird die Digitalisierung tatsächlich so verheerende Folgen haben?

Zugegeben: Auf den ersten Blick wirkt es aussichtslos, etwas so Unaufhaltsames wie den digitalen Wandel abzulehnen. Der Journalist Frank Schirrmacher hat einmal geschrieben, er sei nicht gegen das Internet, er sei ja auch nicht gegen das Wetter. Tatsächlich belegt die Geschichte, dass Modernisierung oft bessere Arbeitsbedingungen brachte.

Aber dass die kurzen und mittelfristigen Folgen nicht besonders glanzvoll ausfielen, wird oft verdrängt. Die erste industrielle Revolution ab 1800 stürzte viele Menschen in Armut und Elend. Die Geschichte lehrt: Fortschritt bedeutet nicht automatisch bessere Lebensbedingungen für alle.

Es hilft aber nicht, die Digitalisierung an sich zu verteufeln – ihre Existenz ist ja ein Faktum. Wir sollten aber darauf achten, dass sie in die richtige Richtung steuert. Damit das klappt, brauchen wir die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Es liegt an der europäischen Politik, das Potenzial der Digitalisierung zu erkennen und so einzusetzen, dass es der Bevölkerung dient.

Mehr Wohlstand durch die Digitalisierung – aber für wen?

Wenn Arbeit von billigen Maschinen ausgeführt werden kann, dann werden Menschen, wo es möglich ist, umstandslos durch diese ersetzt. Weder haben Computer Rentenansprüche, noch können sie psychisch überlastet werden und brauchen Urlaub. Perfekt für Unternehmende, die sich nur allzu gern Streit mit Gewerkschaften oder Kosten für Überstunden sparen.

Die künstliche Intelligenz (KI) arbeitet schon jetzt so viel effizienter als wir, dass sogar studierte Juristinnen, Ärzte und Finanzberater nicht mithalten können. Das heißt nicht, dass diese Menschen alle sofort arbeitslos werden, denn es entstehen auch neue Stellen.

Aber wenn die KI weiter die Berufe des Mittelstands ersetzt, kommt es langfristig zur Lohnpolarisierung. Das bedeutet, dass sich zwischen sehr gut und sehr schlecht bezahlter Arbeit ein Graben auftut, in den viele Menschen hineinfallen könnten. Und das mit dramatischen Folgen. Denn wenn die Mittelschicht schwindet, weitet sich die Schere zwischen Arm und Reich. Die Basis des Sozialstaats gerät ins Wanken.

Die europäische Kommission erklärt zwar, dass auf zwei verlorene Jobs fünf neue im IT-Bereich kämen, aber ein arbeitsloser Sachbearbeiter wird nicht einfach über Nacht zum hochspezialisierten Informatiker. Wenn vor allem große Unternehmen profitieren und der Rest verliert, läuft etwas in die falsche Richtung.

Mit Cocktails ins Burnout – die Arbeitswelt im digitalen Wandel

Wenn tonnenschwere Archive auf 16 Zoll komprimiert werden können und es der Mailflut herzlich egal ist, ob sie in Bottrop oder einer Strandbar in Punta Sal abgearbeitet wird, hört sich flexible Arbeit sehr attraktiv an. Gerade young urban people, die schon in der Fruchtblase Tomatensaft aus RyanAir-Flugzeugen getrunken haben, scheinen der vermeintlichen Unabhängigkeit viel abgewinnen zu können.

Aber die neu erlangte Freiheit kann schnell in ihr Gegenteil umschlagen, wenn selbst am entspannten Familienwochenende ständig die Chefin dazwischenfunkt und uneingeschränkte Verfügbarkeit zur Norm wird. Die Flexibilisierung von Arbeit kann nämlich ausgenutzt werden.

Noch gibt es leider zu wenige Rechte, die die Arbeitenden auch über Bürogrenzen hinweg schützen. Macbookund Mojitoist also schön und gut – aber nur, wenn man genug trinkt, um die rechtlichen Grauzonen zu verdrängen. Damit die Arbeitenden jedoch auch nach einem guten Sex on the Beach nicht unter übermäßiger Überlastung durch die Unternehmenden leiden, muss die Politik neue Gesetze schaffen.

Auch am Arbeitsplatz selbst müssen die Rechte der Beschäftigten besser geschützt werden. Denn die Digitalisierung macht die Sammlung von Daten möglich. Dass birgt die Gefahr der Überwachung und der zunehmenden Leistungskontrolle. Es gibt schon heute Spionagesoftware für Unternehmen, mit der sie die Mails ihrer Mitarbeitenden lesen und deren Internetnutzung kontrollieren können.

Das alles passiert natürlich mit „freiwilliger Zustimmung“. Es hat doch niemand etwas zu verbergen, nicht wahr? Außerdem werde man ja nicht gezwungen, hier zu arbeiten. In Wahrheit ist der Druck aber groß. Viele Menschen sind auf ihren Job angewiesen. Wer rebelliert, riskiert.

Volle Kraft voraus – aber bitte mit Blick auf den Menschen

Im Moment scheint es fast so, als sähe die europäische Politik und Wirtschaft in der Digitalisierung nur eine einzige Herausforderung: die Stärkung der Wirtschaft im Wettbewerb mit den USA und China. Industrie und Forschung kommen in den Genuss nahezu bedingungsloser Förderung. Volle Kraft voraus – ohne Rücksicht auf Verluste.

Das ist fatal. Die Digitalisierung besitzt gewaltiges Potential, Ungleichheiten, auch zwischen den EU-Staaten, zu beseitigen. Dafür muss sie jedoch richtig genutzt werden. Nicht die digitale Aufrüstung und der internationale Wettbewerb sollten im Mittelpunkt stehen, sondern unser Wohlergehen.

Die EU muss sich deshalb beeilen, möglichst rasch allen Bürgerinnen und Bürgern Zugang zur digitalen Welt zur verschaffen. Das ist wichtig, weil bereits 90 Prozent der Jobs in Europa einen sicheren Umgang mit Computern erfordern.

Viele Menschen haben dieses Wissen jedoch schlichtweg nicht. Deshalb braucht es dringend Programme zur Umschulung und eine ausgleichende Sozialpolitik. Denn wenn Menschen übergangen, kleine Betriebe überfordert, Arbeitnehmerrechte aufgeweicht und Großkonzerne bevorzugt werden, verliert der Großteil der Gesellschaft. Das darf nicht passieren! Nutzen wir also das große Potenzial digitaler Möglichkeiten. Aber bitte mit Blick auf den Menschen.

Quelle: focus.de