Ein Birkenwäldchen für die Bosch-Entwickler

Schon in zwei Jahren sollen bei Bosch alle elektronischen Produktklassen vernetzt sein. Um für seine Entwickler eine kreative Arbeitsumgebung zu schaffen, hat das Unternehmen in Berlin einen eigenen IoT-Campus eröffnet.

Die Arbeitsumgebung soll kreatives Arbeiten ermöglichen. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)

Die Arbeitsumgebung soll kreatives Arbeiten ermöglichen. (Bild: Martin Wolf/Golem.de

Es war eine Anzeigenkampagne, die unter IT-Entwicklern in Berlin für gewisse Erheiterung gesorgt haben dürfte. Unter dem Hashtag #taketheexit sollten Mitarbeiter von Startups dazu gebracht werden, nicht für wertlose Aktienoptionen zu arbeiten oder disruptives Klopapier zu entwickeln, sondern vielleicht zu einem traditionellen und seriösen Arbeitgeber zu wechseln. Inzwischen ist klar, dass der Stuttgarter Bosch-Konzern nicht hinter der Kampagne steckte. Warum auch? Schließlich hat das Unternehmen erst kürzlich drei Millionen Euro in eine Arbeitsumgebung gesteckt, die ohne besondere Werbekampagne die Entwickler für das Internet der Dinge anlocken soll.

Mitte Januar hatte Bosch-Chef Volkmar Denner den neuen Standort im Beisein von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller eröffnet. Derzeit machen sich bereits 300 Mitarbeiter täglich auf den Weg zum traditionsreichen Ullstein-Haus am Tempelhofer Hafen. Die drei Etagen sind der neue Hauptsitz der Bosch Software Innovations GmbH, die dort IoT-Produkte entwickeln will. Firmen-COO Michael Hahn will mit dem großzügigen Ambiente nicht nur neue Entwickler anlocken, sondern „ein natürliches Arbeitsumfeld“ für Kreativität ermöglichen.

Alle elektronischen Geräte vernetzen

Für einen Konzern wie Bosch ist das Internet der Dinge mehr als ein modisches Schlagwort. Firmenchef Denner gab zuletzt auf der Firmenmesse Bosch Connected World die Losung aus, bis 2020 „alle elektronischen Geräte“ internetfähig zu machen. Bei der Vielzahl der Haushaltsgeräte, Werkzeuge, Sensoren und anderer Bauteile sicherlich eine große Herausforderung. Doch für Hahn ist klar: „Wir wollen das Geschäft mit der Vernetzung dieser Dinge nicht den anderen überlassen.“ Denn die Gewinnmarge verlagere sich von der Hardware immer mehr hin zum Servicegeschäft. „Da wollen wir natürlich rein“, sagt Hahn.

Das gilt nicht nur für die eigenen Produkte. Denn die Bosch-Tochter Bosch Software Innovations soll bis zu 50 Prozent auch Projekte für externe Unternehmen entwickeln. Dabei könne es nicht nur um einzelne IoT-Funktionen gehen, sondern auch um komplette Connectivity-Pakete. Angefangen bei der Hardware über das Frontend auf Smartphones sowie das Backend bis hin zum Callcenter. Für das Backend hat Bosch bereits eine eigene IoT-Suite am Markt, die das Verwalten und Steuern vernetzter Geräte ermöglichen soll.

Doch wie muss man sich die Arbeit auf einem IoT-Campus vorstellen? Sollen sich die Entwickler kreativ ein neues Produkt wie eine vernetzte Küchenmaschine ausdenken und gleich auf dem 3D-Drucker im ersten Stock ausdrucken? Und am besten in der dritten Etage im großzügigen Küchenbereich einen Kuchen damit backen? Diese Fragen lassen sich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten. Ein bisschen Experimentieren ist gewollt, am Ende ist Bosch aber doch kein Startup, sondern ein Konzern, der in großen Maßstäben denkt.

Schöne neue IoT-Welt mit holprigen Apps

Das heißt: Schwesterfirmen wie Bosch Building Technology kommen beispielsweise auf die IoT-Entwickler zu, um Brandmelde- oder Einbruchmeldeanlagen internetfähig zu machen. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit sei bereits das sogenannte Effilink-Gateway, erläuterte Hahn. Dieses werde wiederum im IoT-Campus eingesetzt, um den Serverraum abzusichern. „Living Iot-Lab“ heißt das Konzept. Zudem arbeite Bosch derzeit an einer Lösung, um die sogenannten vernetzten Stromzähler, die Smart Meter Gateways, über ein Backend zu administrieren.

Doch die schöne neue IoT-Welt wird für Entwickler vor allem dann problematisch, wenn es um die Interaktion mit dem Endnutzer geht. „Je näher wir an den Kunden kommen, desto instabiler wird die Umgebung“, sagt Hahn. Auch aus diesem Grund hat Bosch den E-Scooter-Dienst Coup gestartet, um Erfahrungen im digitalen Geschäft mit Endkunden zu sammeln.

Das Ergebnis ist in diesem Fall durchaus verbesserungswürdig. Dies erkennt man leicht an den Kommentaren im Google-Playstore„Seit dem Update ist das Entsperren der Roller nicht mehr möglich. App ist deswegen unbrauchbar“, schrieb ein Nutzer Anfang April. Ein anderer beklagte: „Ständige Probleme mit App und mit dem Ausloggen. Sehr großer Akkuverbrauch!“ 500 positiven Bewertungen stehen fast ebenso viele negative gegenüber. Eine Testanmeldung von Golem.de scheiterte zunächst an der Android-Version und endgültig daran, dass die alten grauen „Lappen“ nicht als Führerschein akzeptiert werden. Was der Hipster nicht kennt …

Anwendungsebene als Schwerpunkt

Nach Ansicht Hahns wird das Problem noch größer, wenn es in den Bereich Smart Home geht. Dann müssen nicht nur Smartphones, sondern auch noch Tablets und Desktop-Geräte mit den vernetzten Anwendungen funktionieren. Doch solche Kunden-Apps muss der Berliner IoT-Campus nicht entwickeln. Dafür hat Bosch unter anderem die Firmentochter Robert Bosch Engineering India, die mit 17.000 Mitarbeitern an mehreren Standorten weltweit Software programmiert.

Ebenfalls nicht in Berlin angesiedelt ist beispielsweise die Entwicklung eingebetteter Geräte wie Sensoren oder gar von Hardware-Produkten. Laut Hahn geht es vor allem um die Anwendungsebene, mit einem Schwerpunkt auf der Backend-Einbindung über die IoT-Suite. „Ich muss alle Geräte erst einmal anbinden, ich muss sie managen können, ich muss sie verwalten, Software-Updates machen können, muss Rechte steuern und die Geräte sicher machen“, sagte Hahn. Die IoT-Suite verfüge über die entsprechenden abstrakten Bausteine, auf die die Domain-spezifischen Anwendungen aufgesetzt würden. Die Bosch-Securityfirma Escrypt hat ebenfalls ein Dutzend Mitarbeiter in Berlin-Tempelhof.

Schmutzige und saubere Werkstatt

Zwar verfügt der IoT-Campus über eine „schmutzige“ Werkstatt mit Lötkolben und Schraubstöcken sowie eine „saubere“ Werkstatt mit 3D-Drucker und Legosteinen. Doch es ist sicher kein Zufall, dass die Räume beim Besuch von Golem.de sehr aufgeräumt und fast schon verwaist wirkten. Denn die Hardware-Tüftler mit IoT-Faible sind dort weniger gefragt. „Wir reden über Software-Entwickler, über Software- und Lösungsarchitekten“, erläutert Hahn. Anwendungen müssten von Anfang an im „Bosch-Maßstab“ gedacht werden.

Dazu zählen sowohl Großserien als auch kleinere Stückzahlen. Produkte, wie der vor ein paar Jahren entwickelte Spargelsensor hätten eher noch Pioniercharakter und noch keine hohen Verkaufszahlen. „Auf der anderen Seite reden wir über Bereiche mit Millionen und mehr produzierten Erzeugnissen. Da muss die Architektur natürlich entsprechend aussehen“, sagt Hahn. Zudem würden hohe Anforderungen an die IT-Sicherheit gestellt, wie beispielsweise bei dem neuen E-Call-System für die automatische Alarmierung nach einem Autounfall. „Da kann ich nicht mehr mit einer Startup-Lösung herangehen und ein Update machen, wenn es einen Bug gibt“, sagt Hahn.

Ein Wohnwagen als Konferenzraum

Warum also den auffällig drapierten Wohnwagen im Eingangsbereich, das obligatorische Kickerspiel vor der großen Dachterrasse, der Ruhebereich mit Waldoptik und das kleine Theater im Garagenstil? Das hat sicherlich nicht nur mit dem Konzept des Design Thinking zu tun, an dem sich der Campus orientiert. „Wir konkurrieren auf dem Feld mit SAP, Microsoft, Ebay und hier in Berlin natürlich mit jedem Startup um die Ecke“, sagte Hahn.

In Tempelhof gebe es „eine Arbeitsumgebung, die eher Startup-like ist, und trotzdem habe ich den großen Bosch im Hintergrund“. Startup-mäßig ist auch das Alter der Entwickler, das im Durchschnitt bei um die 30 Jahre liegen soll. Allerdings sind für das Projektmanagement auch erfahrene Mitarbeiter gefragt, um bei externen Projekten mit den Kunden auf Augenhöhe verhandeln zu können.

Viel Platz für die Entwickler

Mit seinem neuen Konzept steht Bosch in Berlin nicht alleine. Die großen Autohersteller sind mit Innovationshubs ebenfalls in der Hauptstadt vertreten und schicken beispielsweise Entwicklerteams für einige Zeit in ihre gemieteten Dachgeschosswohnungen, um sich von der anderen Umgebung inspirieren zu lassen. Laut Hahn gibt es auch bei Bosch „sehr viele Projekte, die hier arbeiten wollen“.

Doch zu voll soll es auf dem IoT-Campus nicht werden. Maximal 350 Mitarbeiter sollen sich auf den 6.200 Quadratmetern breitmachen. Dann hätte jeder von ihnen immer noch durchschnittlich fast 18 Quadratmeter Arbeitsplatz zur Verfügung, wobei er die meiste Zeit sicherlich immer noch vor dem Rechner in den Großraumbüros verbringen dürfte. Denn Hahn stellt klar: „Wir sind nicht nur kreativ, sondern produzieren auch am Ende des Tages.“

Quelle: https://www.golem.de