DEUTSCHE UNTERNEHMEN: Eine Drei im Fach Digitalisierung

Bitkom-Präsident Achim Berg wollte über die Digitalisierung sprechen – das tat er auch, kam aber zum Schluss am Thema Corona nicht vorbei. Und da zeigte er sich zumindest in einem Aspekt überraschend zuversichtlich: Die deutsche Wirtschaft könnte als ein Gewinner aus der Krise hervorgehen. „Wir haben eine echte Chance, einen Quickstart hinzulegen“, sagte Berg angesichts der Möglichkeit, dass die Bundesrepublik die Epidemie schneller bewältigt als andere Länder. Da müsse man nur mal einen Blick nach Westen werfen, ergänzte der Chef der Lobbyvereinigung für die Digitalindustrie. Er bezog sich damit offenbar auf die Vereinigten Staaten, wo sich die Epidemie derzeit dramatisch zuspitzt.

Vor allem aber möchte der Bitkom derzeit eine Botschaft unters Volk bringen: Die Corona-Folgen könnten und sollten die Digitalisierung hierzulande erheblich fördern und beschleunigen. „Die Corona-Krise hat uns die Bedeutung digitaler Technologien für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft sehr klar vor Augen geführt. Die Krise ist ein Weckruf, die Digitalisierung nun massiv voranzutreiben“, sagte Berg am Mittwoch in einer Telefonkonferenz. In der Vergangenheit habe man sich diesbezüglich zu viel Zeit gelassen. Das Motto des „Weiter so“ gelte nun nicht mehr. Jetzt heiße es, digitale Infrastruktur aufzubauen, Geschäftsprozesse umfassend zu digitalisieren und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

In einer für die Gesamtwirtschaft repräsentativen Umfrage hat der Branchenverband den aktuellen Stand der Digitalisierung in den Unternehmen abgefragt. Die Erhebung fand im Januar und Februar statt, also noch vor Einführung der Kontaktbeschränkungen. Das Resümee fällt zwiespältig aus. Die Unternehmen sind demnach mit der Digitalisierung zwar vorangekommen. Sie bewerten den eigenen Fortschritt aber zurückhaltend.

„Schlag ins Gesicht“

Geschäftsführer und Vorstände benoten den eigenen Digitalisierungsstand den Angaben zufolge mit der Schulnote „befriedigend“. Mittelständler mit 100 bis 499 Mitarbeitern geben sich sogar lediglich ein „ausreichend“. Zugleich sehen nur 22 Prozent die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich in der Digitalisierungs-Spitzengruppe. Vor einem Jahr waren es 26 Prozent. Für weltweit führend in punkto Digitalisierung hält Deutschland weiterhin niemand. Bitkom-Chef Berg sprach angesichts dieser Zahlen von einem „Schlag ins Gesicht“. Der Anspruch müsse doch sein, ganz vorne dabei zu sein.

Dabei steht die Wirtschaft mit sehr großer Mehrheit den technologischen Neuerungen positiv gegenüber. Neun von zehn Unternehmen sehen Digitalisierung als Chance, nur 5 Prozent als Risiko. Jedes dritte gibt jedoch an, Probleme damit zu haben, sie auch zu bewältigen. Und jedes zehnte Unternehmen sieht seine Existenz durch die Entwicklung gefährdet. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren erheblich gesunken. 2019 sorgten sich 12 Prozent wegen der Digitalisierung um ihre Existenz, 2018 waren es 24 Prozent.

Digitalisierung entwickelt sich exponentiell

Inzwischen nehmen viele die Entwicklung nicht einfach hin. Sie versuchen, ihr Angebot anzupassen. 60 Prozent bringen als Folge der Digitalisierung neue Produkte oder Dienstleistungen auf den Markt. 75 Prozent passen bereits bestehende Produkte oder Dienstleistungen an. Dies ist nach Einschätzung des Bitkom auch eine Reaktion auf starken Wettbewerb. Jeweils mehr als 60 Prozent sagen, dass Konkurrenten aus der Internet- und IT-Branche beziehungsweise aus anderen fremden Branchen auf ihren Markt drängen.

Bitkom-Chef Berg mahnte ein deutlich schnelleres Tempo an – schon um zu überleben. Digitalisierung entwickele sich exponentiell. Je länger man damit zögere, umso schwieriger werde es, den Vorsprung der anderen aufzuholen. „Deshalb gilt jetzt: Nicht im Analogen verharren“, so sein Fazit. Zwar verfügt mittlerweile eine deutliche Mehrheit – 77 Prozent – über eine Digitalstrategie. 22 Prozent haben aber noch keine, vor allem kleine und mittelständische Firmen nicht. „Wer nicht einmal für Teile seines Unternehmens eine Digitalstrategie aufgestellt hat, muss sich schon fragen lassen, ob er seine Existenz mutwillig aufs Spiel setzen will“, warnte Berg.

Von Big Data bis zum 3D-Druck

Welche digitalen Technologien spielen für die Wirtschaft die wichtigsten Rollen? Auch darauf gibt die Untersuchung Antwort. 90 Prozent schreiben den Bereichen Big Data und Datenanalyse eine sehr große oder eher große Bedeutung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen zu. Das Internet der Dinge (Internet of things, IoT) nennen 81 Prozent, den 3D-Druck 72 Prozent, autonomes Fahren 68 und Künstliche Intelligenz (KI) 67 Prozent. „Dieser allgemeinen Einschätzung hinkt der Einsatz der Technologien in den Unternehmen immer noch hinterher“, stellten die Befrager fest. 62 Prozent der Unternehmen gaben an, Big Data oder Datenanalyse einzusetzen oder den Einsatz zu planen oder zu diskutieren. KI kommt auf 28 Prozent.

Berg forderte die Deutschen auf, jetzt schon an die Zeit nach der Corona-Krise zu denken und überall die Weichen in Richtung Digitalisierung zu stellen. Kurzfristig seien weitere Maßnahmen nötig, um zum Beispiel flächendeckend digitalen Schulunterricht für alle Schüler zu ermöglichen. Dafür brauche es auch ein Sofortprogramm über eine Milliarde Euro für die Anschaffung von Softwarelizenzen an den Schulen. Zudem müsse die Modernisierung des Arbeitsrechts angegangen werden.

Quelle: faz